
Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.
Im neunzehnten Jahrhundert wurde die Frage, ob die Fotografie eine Kunst sei, heftig diskutiert. Heute mag sie uns abwegig erscheinen, denn die Fotografie hat sich ihren Stellenwert längst erkämpft, wird in allen Galerien ausgestellt und ist vollständig in der Hochkultur angekommen. Niemand hat gefragt, wie sehr sich die Kunst an sich durch die Fotografie verändert. Und das tat sie und tut sie immer noch, durch die Digitalisierung noch viel mehr. Doch wie? Und warum? Dieser Frage ist der Medientheoretiker, Philosoph und Kritiker Walter Benjamin nachgegangen, und er hat sich dabei allerdings nicht auf die Fotografie beschränkt, sondern dies auf alle Medien ausgeweitet. In seinem Werk „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ schreibt er 1935 eine Analyse der sozialen Veränderungen der Kunst, die nicht allein auf dem Stadium der technischen Entwicklung basieren, sondern auch heute noch allgemein gültig sind. Und das Internet bestätigt Benjamin nur.
Alles von Menschenhand Geschaffene konnte schon immer nachgemacht werden.
Und das wurde es auch immer schon, um vom Meister zu lernen, eigene Arbeiten zu verbreiten oder aus ökonomischen Gründen. Doch diese Reproduktion konnte nie die Aura eines Kunstwerks herstellen, das Hier und Jetzt, seine traditionelle und historische Geschichte, sein Dasein an einem Ort. Das kann die technische Reproduktion auch nicht, doch während die manuelle Reproduktion neben dem Original immer nur als Fälschung dastand und das Original deswegen eine gewisse Autorität behielt, stellt die die technische Reproduktion diese Autorität aus zwei Gründen in Frage: Erstens ist die technische Reproduktion eigenständiger, sie kann durch bestimmte Verfahren wie Vergrößerung, Zeitlupe oder durch verstellbare Linsen neue Seiten hervorheben und Teile des Originals zeigen, die der normalen Optik und dem menschlichen Auge sonst nicht zugänglich wären. Zweitens kann die technische Reproduktion das Original an Orte und in Situationen bringen, die mit dem Kunstwerk sonst nicht möglich wären. Wie stark diese Entwicklung durch moderne tragbare Geräte vorangetrieben wurde, konnte Walter Benjamin wahrscheinlich nicht einmal annähernd ahnen. Doch es bleibt immer noch die Aura.
Die Einzigkeit eines Kunstwerks ist identisch mit dem Eingebettetsein in die Tradition.
Die usprünglichste Art dieser Einbettung in die Tradition war die Herstellung von Objekten für den Kult. Die ersten Kunstwerke wurden für rituelle Zwecke geschaffen, erst für magische dann für religiöse. Natürlich ist die Tradition historisch gesehen etwas lebendiges und wandelbares, aber trotzdem hat sich das Kunstwerk nie aus diesem Zusammenhang gelöst. Erst durch die Weiterentwicklung der verschiedenen Kunstdisziplinen verschob sich der Fokus der Kunstrezeption vom Kultwert zum anderen Pol hin, nämlich hin zum Ausstellungswert. Der Ausstellungswert einer Messe mag zwar nicht automatisch geringer sein als der einer Symphonie, und trotzdem entstand die Symphonie als ihr Ausstellungswert größer als der der Messe zu werden schien.
In der Fotografie beginnt der Ausstellungswert den Kunstwert auf der ganzen Linie zurückzudrängen.
Diese quantitative Verschiebung ins andere Extrem durch das Auftreten der Fotografie, dem ersten wirklich revolutionären Reproduktionsmittel, bedeutet natürlich auch eine qualitative Veränderung. Der urzeitliche, reine Fokus auf den Kultwert machte das Kunstwerk zu einem Gebilde rein magischer Funktion, das erst später als Kunstwerk gesehen wurde.
Genauso wird das Kunstwerk durch das absolute Gewicht, das auf dem Ausstellungswert liegt, heute zu einem Gebilde mit ganz neuen sozialen Funktionen, wobei die aktuell künstlerische vielleicht in Zukunft nur mehr als eine völlig beiläufige erscheinen mag.
Als die Kunst das Nahen der Krise spürt, reagiert sie mit der Lehre vom l’art pour l’art.
Diese Idee der „reinen“ Kunst um der Kunst’ Willen bleibt aber ohne soziale Funktion oder gegenständlicher Grundlage, ist aber doch wichtig für die dialektische Entwicklung. Denn zum ersten Mal löst sie sich von ihrem parasitären Dasein am Ritual.
Gleichzeitig darf sie aber auch nicht beim schnöden Schönheitsdienst bleiben, um nicht in den Kitsch zu verfallen, und außerdem richtet sich die Kunst auch nach dem Medium aus. Benjamin selbst beschreibt dies in dem schönen Satz: „Das reproduzierte Kunstwerk wird in steigendem Maße die Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerkes!“
Er selbst zählt hier noch Fotografie und Film auf, um diese Erkenntnis brauchbar zu nützen, doch mit der Digitalisierung ist beinahe jedes Medium zum Inbegriff der technischen Reproduzierbarkeit geworden.
Was im Zeitalter der technischen Reproduktion zertrümmert wird, das ist die Aura.
Die Aura war es, die für uns das Prinzip des Originals definierte. Wenn sich nun allerdings die Kunst an der technischen Reproduzierbarkeit ausrichtet, und dies eine Emanzipation vom Ritual bedeutet, so heißt das, dass wir uns in der Kunst vom Original, vom Einzigartigen und von der Aura verabschieden müssen.
Dies geht einher mit der gestiegenen Bedeutung der Massen heutzutage, denn es ist heute ein elementares Bestreben der Massen, sich die Dinge räumlich und menschlich „näherzubringen“ und die Einmaligkeit zu überwinden.
Benjamin kann die gesellschaftlichen Bedingungen für diesen Verfall der Aura aufzeigen: „Immerhalb großer geschichtlicher Zeiträume verändert sich mit der gesamten Daseinsweise der menschlichen Kollektiva auch die Art und Weise ihrer Sinneswahrnehmung.“ Desweiteren schreibt er: „Die Ausrichtung der Realität auf die Massen und der Massen auf sie ist ein Vorgang von unbegrenzter Tragweite sowohl für das Denken, als auch für die Anschauung.“
Doch was bedeutet das? Benjamin schließt: „In dem Augenblick aber, da der Maßstab der Echtheit an der Kunstproduktion versagt, hat sich die gesamte soziale Funktion der Kunst umgewälzt. An die Stelle ihrer Fundierung aufs Ritual tritt ihre Fundierung auf eine andere Praxis: nämlich ihre Fundierung auf Politik.“
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